Die Schweiz profitiert von den Einwanderern
Wer in die Schweiz einwandert, soll sich an unsere Regeln halten, unsere Sprache lernen und sich gesellschaftlich engagieren, sagen Julia Morais und Thomas Kessler, die Integrationsbeauftragten der Kantone Zürich und Basel-Stadt. Im Interview erklären sie zudem, wie die Schweiz von der Migration für die Zukunft profitiert.
Was ist der Grund, dass Menschen in die Schweiz einwandern?
Julia Morais: Im Kanton Zürich geben 44% der Leute, die neu kommen, Erwerbstätigkeit als Grund an. Sehr viele sind hochqualifiziert. In Zürich sind die meisten Einwanderer Deutsche und haben die Italiener bei der wohnhaften Bevölkerung überholt.
Thomas Kessler: Historisch gesehen waren die Motive immer gleich: Verbesserung von Chancen über Arbeit oder Bildung, sozialer Aufstieg, teilweise auch durch eine gute Heirat. Die Motive hängen stark von der Wirtschaft und der Sicherheitslage ab. Seit 1860 ist bei uns wegen der Wirtschaftskraft und Industrialisierung die Einwanderung stärker als die Auswanderung, seither sind wir also ein Einwanderungsland. Heute ist die Einwanderung so stark wie nie mehr seit der Hochkonjunktur vor knapp 40 Jahren. Die Leute kommen, weil sie die Wirtschaft braucht. Aber: Waren es damals vorwiegend Hilfskräfte und körperlich arbeitende Menschen, kommen seit etwa zwölf Jahren vor allem hochqualifizierte Fachkräfte aus den Nachbarländern.
Wie wichtig ist Krieg als Grund für Migration?
Morais: Momentan ist ein ziemlicher Anstieg der Zahl von Flüchtlingen zu verzeichnen. Es handelt sich in der Mehrheit um Eritreer, Somalier und Nigerianer. Dennoch rechnet das Bundesamt für Migration mit weniger Gesuchen als in den Vorjahren, prognostiziert werden für 2008 rund 13 000 Gesuche. In den vergangenen Jahren gab es im Schnitt 17 000 Gesuche. Der Anteil an der gesamten Migrationsbevölkerung liegt im Kanton Zürich bei 1,4%. Grösstenteils werden sie in kurzer Zeit wieder zurückgeschickt.
Kessler: So viele Flüchtlinge wie während der Balkankrise kamen noch nie in die Schweiz: Gegen 50 000 Flüchtlinge in einem Jahr! Das war historisch einmalig. Interessanterweise war die damalige Herausforderung derart prägend, dass viele Politiker Migration noch immer im Licht der Neunzigerjahre diskutieren, statt auf die heutige Migration zu antworten: eine Migration von Fachkräften im globalen Wettbewerb, die zeigt, wie attraktiv die Schweiz als Land und wie stark unsere Wirtschaft ist.
Was macht Einwanderern am meisten Mühe?
Morais: Migranten aus bildungsfernem Umfeld die Sprache – ein Handicap in einer Wissensgesellschaft wie der unseren, in welcher der soziale Aufstieg nur über Bildung möglich ist. Aus diesem Grund gehen über 80% der Mittel in Information und Sprachkurse. Anders Deutsche, die aus Norddeutschland oder Berlin kommen. Sie kämpfen mit der Reserviertheit der Schweizer, die sich nicht so schnell öffnen.
Kessler: Die allermeisten Migranten sind ja hoch motiviert. Migration ist eine Anstrengung, die man auf sich nimmt, um die eigene Situation zu verbessern. Diesem Engagement sollte man mit Offenheit begegnen. Schliesslich profitiert die einheimische Bevölkerung ja von den Einwanderern.
In welcher Hinsicht?
Kessler: Sie gewinnt durch die Migration der Fachkräfte sowohl wirtschaftlich und somit auch hinsichtlich der Lebensqualität. Zudem verjüngt sich die Gesellschaft dank der Migration. Die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung steht in der zweiten Lebenshälfte, die meisten Migranten aber in der ersten. Damit hat die Schweiz eine bessere Bevölkerungsperspektive als etwa südeuropäische Länder. Schaut man arme Gegenden Europas an, zeigt sich: Das sind jene, die keine Migration hatten, keinen Austausch, keine Integration von neue Ideen. Geschlossenheit und fehlende Offenheit führten zu Stillstand.
Aber dennoch existieren Ängste vor Kriminalität, Gewalt, Sozialmissbrauch und Ausländer, die uns Jobs wegnehmen…
Kessler: Neid und Ressentiments sind urmenschlich. Was dagegen hilft: Begegnung und Informationen, die mit Fakten belegt sind. Die Leute sollen verstehen lernen, dass die Schweiz als Forschungs- und Produktionsstandort sogar noch mehr Fachkräfte braucht. Denn bei uns werden beispielsweise immer noch zu wenig Ingenieure ausgebildet.
Morais: Ein Grund für die Ängste sind auch die Meldungen in den Medien: Wenn ein Schweizer ein Verbrechen verübt, wird die Nationalität nicht genannt. Tut aber ein Ausländer etwas, wird immer gleich die Herkunft genannt. So werden Ängste geschürt.
Aber viele haben das Gefühl, dass Menschen vom Balkan rascher dreinschlagen.
Kessler: Diese Ängste sind nachvollziehbar und haben einen realen Grund: Es ist eine Minderheit, die negativ auffällt und die überdurchschnittlich viele Gewaltdelikte begeht. Zu tun hat das mit ihrer Geschichte, ihrer Bildung, dem wirtschaftlichen Status. Es sind vor allem Secondos der Unterschicht aus Südosteuropa, aber auch aus Afrika und der Karibik. Es ist daher wichtig, dass Merkmale von Tätern genauer kommuniziert werden. Wird nur die Herkunft angegeben, entsteht ein unvollständiges Bild. Es muss auch über Aufenthaltsstatus, Geschlecht, Alter, Bildungsgrad informiert werden.
Morais: Nach acht Jahren Gewaltprävention in Schulen weiss ich: Es ist eine andere Kultur, mit Konflikten umzugehen. Jugendliche und Kinder aus bildungsfernen Familien haben weniger Gesprächskultur und vertreten andere Werte. Jungen, die sich nicht schlagen, gelten als schwach. Hier ist eine Wertevermittlung nötig. Sowohl die Schule trägt eine Verantwortung, vor allem aber auch die Eltern müssen in die Pflicht genommen werden.
Kessler: Unterdessen haben viele begriffen, dass nicht teure Jugendgefängnisse nachhaltig helfen, sondern nur Massnahmen wie Bildung, sozialer Aufstieg, Fordern und Fördern. Wir müssen noch mehr in junge Familien investieren, Schweizer und Ausländer. Ziel muss sein, Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu vermeiden, ihr Potenzial zu nutzen.
Stichwort Sozialmissbrauch?
Kessler: Den Anteil der Sozialhilfebezüger ist bei den Südländern, die auf dem Bau gearbeitet haben, sehr hoch. Das Problem des Missbrauchs hat mit Systemfehlern, mit falschen Anreizen tun, die man beseitigen muss. Das Problem: Das Sozialsystem ist besser als das Arbeitssystem. Es ist zu stark auf das Verteilen von Geldern ausgerichtet, statt die wirklichen Bedürfnisse wie Bildung abzudecken. Wir stellen immer fest, dass die Arbeit zu wenig attraktiv ist und dass das Hilfssystem optimiert werden kann. Es kann nicht sein, dass schlechter dasteht, wer sich um Arbeit bemüht.
Von Fordern und Fördern ist auch in den Integrationsleitbildern die Rede. Was ist damit gemeint?
Kessler: Gefordert wird, dass die Migranten die Schweiz und ihre Regeln kennen. Wir sagen sehr deutlich, dass wir ein basisdemokratisches Volk sind, das sich selber Regeln gibt, an die man sich zu halten hat. Zudem muss klar sein, wie man zum Erfolg kommt. Das ist gleichzeitig die Prävention vor Misserfolg: Ist nicht klar, was der Schlüssel zum Erfolg ist, kommt’s zum Misserfolg. Gefordert wird auch, sich um Informationen zu bemühen, Angebote wie etwa Sprachkurse wahrzunehmen. Bei Leuten, die ihre Pflichten nicht wahrnehmen, ihre Steuern nicht bezahlen und in finanzielle Not geraten, werden Integrationsvereinbarungen abgeschlossen. In einem Vertrag, der an die Aufenthaltsbewilligung gekoppelt ist, legen wir verbindlich fest, welche Kurse sie bis wann besuchen müssen.
Was bedeutet Integration? Ein möglichst guter Schweizer werden?
Morais: Bei der Integration geht’s darum, dass jemand unabhängig ist und arbeitet. Die Leute sollen sich hier wirtschaftlich, sozial und gesellschaftlich eingliedern, dabei aber ihre Kultur bewahren können. Ein Grundstein dafür ist, dass sie unsere Sprache beherrschen. Und: Um sich gesellschaftlich integrieren zu können, müssten sie auch mitreden können. Darum kämpfe ich fürs Stimm- und Wahlrecht auf kantonaler Ebene für Leute mit C-Niederlassung 1. Denn: Wer mitbestimmen kann, setzt sich viel eher mit der Gesellschaft auseinander.
Kessler: Wir haben Integration definiert als Herstellung von Chancengleichheit und Zugang zu allen Statuspositionen. Das heisst: Alle sollen nach Fähigkeiten und Leistungen beurteilt werden statt nach der Herkunft. Nach diesen Kriterien auch sollen Arbeitsstellen besetzt werden. Das ist urliberal und macht auch die Identität unseres Landes aus: Die Schweiz ist ein Land, das sich über Verfassung, Politik und demokratische Institutionen definiert. Und nicht wie andere Länder über Kultur im Sinn von Sprache und Religion. Die Schweiz ist eine hoch liberale, multikulturelle Willensnation, die nach gemeinsam festgelegten Regeln lebt. Der grosse Reichtum der Schweiz.
Welche Rolle spielt dabei die Einbürgerung?
Morais: Die SVP behauptet ja, mit der Einbürgerung sei die Integration abgeschlossen. Das ist nicht wahr. Viele Eingebürgerte haben zwar den Schweizer Pass, sind aber nicht integriert, sondern verkehren wie in einer Parallelgesellschaft nur mit ihren Landsleuten.
Wie kommt es dazu?
Kessler: Das Einbürgerungssystem hat einen gravierenden Konstruktionsfehler. Die Fristen, um sich einbürgern zu lassen, sind zu lang. Ein langer Aufenthalt in einem Land ist kein Zeichen guter Integration. Nötig sind vielmehr messbare Standards wie Sprachkompetenz, Wissen, Engagement. Hier darf die Messlatte sehr hoch sein. Die Fristen sollten möglichst kurz sein, damit Leute, die motiviert sind und sich in der Gemeinschaft engagieren, möglichst rasch eingebürgert werden können und voll mitmachen können. Für die Schweiz ein Riesengewinn. Allerdings sind solche Überlegungen heute noch nicht mehrheitsfähig.


