Einfach nur weg mit all dem Gerümpel
Wer Ballast abwirft und sich von Überflüssigem trennt, braucht dazu zwar Mut. Gleichzeitig wirkt Loslassen befreiend und schafft Platz für Neues. Sagt Werner Tiki Küstenmacher, dessen Buch «Simplify Your Life» über einfacheres Leben weltweit über drei Millionen Mal verkauft wurde.
Ihr Buch ist seit Jahren ein Kassenschlager. Warum möchten es so viele Leute einfacher haben im Leben?
Das Bedürfnis nach Einfachheit ist eigentlich das Bedürfnis nach Autonomie, das Bedürfnis, sein Leben selber gestalten zu können. Viele Menschen haben das Gefühl, gelebt zu werden, statt aktiv zu leben.
Wie zeigt sich Kompliziertheit im Alltag?
Ein gutes Beispiel ist: In vielen Wohnungen und Häusern ist so viel drin, dass die Bewohner keinen Platz mehr haben. Obwohl sie täglich versuchen aufzuräumen. Das ist dieses Messie-Dasein, das es in ganz verschiedenen Abstufungen gibt. Ich erlebe es bei mir: Ich erhalte täglich mehr E-Mails, als ich beantworten kann. Da läuft doch etwas ganz falsch: wenn ich mehr leisten muss, als in der zur Verfügung stehenden Zeit zu schaffen ist. Viele erleben bei der Arbeit, dass von ihnen etwas erwartet wird, was früher drei Leute gemacht haben. Doch aus Angst, entlassen zu werden, trauen sie sich nicht, Nein zu sagen. Das ist kompliziertes Leben.
Was geschieht, wenn wir nichts dagegen tun?
Oft reagiert der Körper: Burnout, Schlaganfall, Sehstörungen oder Herzinfarkt. Es gibt Leute, die leiden an Erscheinungen, die medizinisch nicht fassbar sind. Der Körper zieht die Notbremse und sagt: Du schaffst es nicht mehr.
Sie zeigen erstaunliche Parallelen auf: Wer viel auf dem Boden herumstehen hat, leidet unter finanziellen Problemen. Und wer zu viel Gerümpel hat, ist oft zu dick.
Als ich davon gehört habe, hat mich das auch sehr verblüfft. Ich habe es aber bestätigen können: Wenn der Fussboden voll ist und die Menschen nur noch auf ganz schmalen Bahnen durch ihre Wohnungen gelangen, haben sie meist Geldprobleme. Das sind extreme Messies, denen alles über den Kopf gewachsen ist, die die Post nicht mehr öffnen, keine Rechnungen mehr zahlen.
Wieso macht Gerümpel dick?
Menschen, die sehr dick sind, haben einen Panzer, um sich abzuschotten. Das Körperfett dient dem Selbstschutz, genauso wie alle die Sachen, die sie in ihrer Wohnung horten. Deshalb muss eine Diät damit beginnen, dass man die Wohnung richtig aufräumt. In einer vollen Wohnung kann man nicht abnehmen. Die schlechte Nachricht: Hat man entrümpelt, nimmt man noch nicht automatisch ab. Aufräumen, Entrümpeln und Loslassen von Sachen ist eine unglaublich gesunde Tätigkeit, die eigentlich der Arzt verschreiben sollte.
Was braucht es, um loslassen zu können?
Dazu gehört Mut. Wenn ich Menschen beim Aufräumen helfe, erleb ich immer wieder, wie sie mit einem Stapel vor dem Altpapiercontainer stehen, zittern und es körperlich fast nicht schaffen, den Stapel wegzuwerfen. Als würden sie an einer Klippe stehen und müssten springen. In solchen Momenten höre ich oft von diesen Leuten, dass sie doch nicht ihr Leben wegschmeissen könnten. In diesem Fall muss ich ihnen sagen, dass doch nicht der Besitz ihr Leben ist, sondern das, was in ihnen steckt, im Herzen, im Kopf, ihre Erinnerungen und Erfahrungen.
Wie kommen wir zur Annahme, dass unsere Habe unser Leben ist?
Das ist eine gute Frage. Woher haben wir das? Wir sind haptische, materielle Menschen, wir brauchen Dinge, möchten unsere Umwelt gestalten und nicht in einem leeren, nur geistigen Raum leben. Besitz gibt uns Sicherheit. Es ist wichtig, Erinnerungen zu haben. Aber: Man muss sie begrenzen. Wird jedes Buch, jeder Zettel, jedes Foto als wertvolle Reliquie gesehen, haben uns diese Dinge unter der Knute.
Wie merkt man, was zu viel ist?
Schauen wir genau an, was uns umgibt, werden wir Sachen entdecken, die nerven. Und warum? Diese Dinge stellen nicht getroffene Entscheidungen dar. Ein Beispiel: ein T-Shirt, das ich nicht mag. Ich ziehe es nie an. Aber ich werfe es auch nicht weg, weil es teuer war, darum liegt es einfach im Schrank. Ich muss mich entscheiden: anziehen oder wegwerfen.
Was tut sich in uns, wenn wir loslassen?
Sobald ich eine Entscheidung treffe, wächst ein mentaler Muskel: die Entschlusskraft. Das zeigt: Anhand seiner Sachen kann man lernen, seine Entschlusskraft zu steigern. Ich habe in diesem Zusammenhang geradezu zauberhafte Geschichten erlebt: Menschen, die völlig in ihren Sachen versunken waren. Irgendwann haben sie es geschafft, umzuziehen und neu anzufangen. Sie fanden einen Job, einen Partner, versöhnten sich mit ihren Eltern. Grund: Ohne Chaos konnten sie wieder frei denken.
Das heisst: Räume ich den Schreibtisch auf, wird auch im Kopf Platz frei?
Ja, ich hätte es auch nicht gedacht. Aber es ist wirklich so einfach. Man muss Tabula rasa machen. So lernt die Seele. Der Schreibtisch ist der Spiegel unseres Gehirns. Räumt man ihn auf, schafft man Freiräume im Hirn.
Auch im Buch empfehlen Sie, beim Vereinfachen mit dem Schreibtisch zu beginnen. Wieso?
Es muss nicht unbedingt der Schreibtisch sein, aber es sollte etwas Naheliegendes, Alltägliches wie der Arbeitsplatz sein und eine überschaubare Grösse haben. Die Menschen überschätzen, was sie im Grossen schaffen können, unterschätzen aber die Macht der kleinen Schritte. Jede grosse Aufgabe sollte man in kleine Schritte aufteilen. Wer sich zu viel vornimmt, scheitert rasch und gibt auf.
Es ist so einfach. Dennoch können viele nicht loslassen.
Ja. Ich kenne Leute, die Angst haben vor dem leeren Schreibtisch, weil sie das Gefühl haben, dass dann auch ihr Gehirn leer ist. Oder: Sie fürchten sich vor der Entscheidung, Überflüssiges wegzuschmeissen. Solange das im Schrank liegt, muss man die Entscheidung nicht treffen. Mut passt sehr gut zur Simplify-Idee. Und ich glaube fast, dass dieses Wort im Buch viel zu wenig vorkommt.
Wie bekommen wir Mut, Tabula rasa zu machen?
Oft hilft eine Vision. Menschen mit einem sehr vollen Keller müssen sich vorstellen, wie der Raum im Idealzustand aussieht. Das bedeutet nicht, dass er ein wenig aufgeräumt ist, sondern dass der Keller richtig schön aussieht, frisch gestrichen, besser beleuchtet, stabile Schränke statt wackliger Regale und Kisten. Diese innere Vision macht Mut, etwas hinter sich zu lassen.
Weitere Top-Tipps für einfacheres Leben?
Machen Sie sich eine Liste von den Dingen, die am meisten nerven, die krank machen. Da stehen dann ganz wahnsinnige Sachen drauf, vielleicht sogar der Beruf, von dem man immer dachte, man müsse ihn behalten. Obwohl das Unternehmen ein Wahnsinn ist, der Chef ein Idiot. Auf einer zweiten Liste notiert man, was man im Leben noch erreicht haben will. Hat man das schwarz auf weiss vor Augen, erkennt man, was in einem drinsteckt. Für viele Menschen wäre dies die Wende in ihrem Leben.
Wie entkompliziert man Beziehungen?
Das ist eins der kniffligsten Kapitel im Buch. Ich sage: So wie man den Schrank aufräumt, darf man auch Kontakte durchforsten, sich fragen, ob man sich mit den richtigen Menschen beschäftigt. Vielleicht hab ich eine Tante, die nur nervig ist, dauernd anruft und mir die Zeit raubt, die ich lieber mit anderen Menschen verbringen würde. Ich rate, sich auch Beziehungen bewusst zu erschliessen, indem man Leute, die man interessant findet, anspricht.
Und die nervige Tante?
Sagen Sie ihr einfach, dass Sie keine Zeit haben und dass es nicht mehr geht, dass Sie jedes zweite Wochenende bei ihr verbringen.
Das tönt brutal: Beziehungen wie Altpapier «entsorgen»…
Ja, es ist brutal. Aber von bestimmten Menschen werden wir derart in Beschlag genommen, dass es uns nicht gut tut. Kümmern wir uns mehr um andere Menschen, verbringen wir automatisch weniger Zeit mit alten Beziehungen.
Zurück zum Anfang: Wie dämmt man die Mail-Flut ein?
Ich bin zu einer Crash-Technik übergegangen und beantworte gewisse Mails nicht, sondern lasse es drauf ankommen. Ist es wichtig, kommt es nochmals. Ich kann ja auch nicht alle Zeitungen und Zeitschriften lesen. Es ist immer ein Zufall, was man erwischt. Auch bei der Bildung: Wir lesen hier was, dort was, aber Tausende von Büchern lesen wir nicht. Und trotzdem setzt sich unsere Bildung zusammen. Dieser Lotterieeffekt gehört dazu, das Leben besteht nie aus Vollständigkeit.
Schlussfrage: Wie weiss ich, dass ich einfacher lebe?
Das merkt man sehr leicht: Indem man glücklicher ist. Es gibt natürlich auch eine Einfachheit, die einen nicht glücklicher macht. Dann wars halt die falsche Einfachheit.
Werner Tiki Küstenmacher (55) hat mit «Simplify Your Life» nicht nur in Deutschland Erfolg, sondern weltweit: Das Buch wurde seit 2001 in über vierzig Sprachen übersetzt, u.a. Chinesisch, Englisch und Koreanisch. Küstenmacher ist nicht nur Autor, sondern auch Karikaturist und war früher Pfarrer. Er lebt mit seiner Frau, ebenfalls Autorin, und den drei Kindern in Gröbenzell bei München.
